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Richtig Gehen Lernen (7a) Ballengang hat nichts mit den Füßen zu tun.


Ballengang-TorsoSehr geehrte Leser,
wenn von Ballengang die Rede ist, fällt auf, dass die Aufmerksamkeit stets auf die Füße gerichtet ist. So bestimmt sehr oft allein die Erstberührung der Füße bei der Landung die ganze Gangart. Auch wird „Ballengang“ und „Barfußgang“ sehr oft als Synonym benutzt. Infolgedessen versprechen sogenannte „Barfußschuhe“ ein anderes, besseres Gehen. Auch Fußgymnastik rückt in den Vordergrund, wenn das Gangbild verbessert werden soll. Und nicht zuletzt beinhalten sogar professionelle Ganganalysen, die meist auf Laufbändern durchgeführt werden, lediglich Aufnahmen vom Knie abwärts …
Doch kann unser Gehen oder Laufen aufgrund von Modewörter wie Ballengang, Fersengang, happy feet, gesunde Sohlen etc. wirklich auf dieses Detail in den Füßen beschränkt werden?

Je länger ich mich mit funktionellen Alltagsbewegungen beschäftige, desto unkomplizierter und minimalistischer stellt sich das Konzept natürlicher Bewegung dar. Es geht letzten Endes gar nicht um Ausführungsdetails bestimmter Körperteile; vielmehr bestimmt der Gesamteffekt aller Teile die Qualität einer Handlung oder einzelnen Bewegung.

Schauen wir uns das Gehen an, dann bestimmt auch hier immer die Gesamtheit aller Bewegungen die momentane Gangart und damit auch die Gangqualität.

Welcher Bereich unseres Körpers nimmt dabei den größten Einfluss auf die Gesamtbewegung?
Nicht die Zehen, nicht die Hand, nicht der Fuß oder das Knie…

Es ist der Rumpf, bzw. Torso als eine eigene bewegliche Einheit. Von ihm haben alle Körperbewegungen ihren Ursprung. Und nicht nur die Bewegungen an sich haben ihren Ursprung im Rumpf – viel einfacher gesehen entspringen alle Extremitäten und auch der Kopf dem Rumpf ebenso wie die Muskeln und Sehnen, die für die Bewegung der Extremitäten verantwortlich sind.

Um sich das vorstellen zu können, machen wir einen kurzen Test, sofern Sie gerade Gelegenheit haben:

Wir laufen in einem moderaten Tempo geradeaus. Dann möchten wir so schnell wie möglich um 180° drehen und in die andere Richtung laufen. Wie schaffen wir das am effizientesten?(am Schnellsten, mit dem wenigsten Kraftaufwand, …)

An dieser Stelle würde jetzt in [Seminaren] tatsächlich praktisch getestet, auf welche Lösungen der Körper intuitiv kommt. Für Blogleser kürzen wir das etwas ab:

Versuchen wir mal beispielhaft zwei Möglichkeiten:

  1. Wir achten darauf, bei der plötzlichen Drehung tunlichst auf dem Ballen bzw. der Ferse zu bleiben (je nachdem, welchem „Glaubenssatz“ man angehört)
  2. Wir laufen bewusst im Doppel-Z (Hüfte hinter dem Brustbein) und rotieren beim Richtungswechsel betont das Becken um 180°, wobei sich die neue Rumpfausrichtung sofort in die neue Richtung stabilisiert. Wir beobachten dabei quasi „nebenher“, was der restliche Körper, insbesondere die Füße, Beine, Arme, Kopf so anstellen.

Welche Bewegungspriorität fühlt sich am agilsten und leichtesten an?

Interessanterweise werden wir bei der zweiten Wendemöglichkeit beobachten, dass wir aus dem Vorfuß arbeiten, obwohl wir darauf gar keine Aufmerksamkeit gerichtet haben.
Genau das gleiche Phänomen passiert uns, wenn wir auf der Stelle hüpfen oder eine Treppe hinab steigen.

Wir merken dabei, dass die Verwendung des Fußballens ganz intuitiv und selbstverständlich passiert. Und zwar dann, wenn der Körper abgefedert werden muss, weil der Körperschwerpunkt genau über den Füßen landet. Es muss also gar nicht so sehr gelernt werden, wie man „richtig“ auf dem Fuß landet, denn das ist eine angeborene intuitive Fähigkeit.

Was wir offensichtlich verlernen, ist die Relation, das Verhältnis und das Zusammenspiel zwischen Rumpf und Beinen. Dadurch entsteht ein schweres, unharmonisches Gangbild. Die Beine werden dabei verfrüht nach vorne geworfen, um gestreckt auf einer (schuhgedämpften) Ferse zu landen. Der Rumpf hat dabei aber noch ein zweites Problem:

Nicht nur, dass er sich nicht an der für die Dynamik passenden Position in der Bewegung befindet – auch findet im Rumpf selbst kaum Aufrichtung statt. Er nimmt in der Gehbewegung annähernd die Haltung ein, die er auch beim (falschen) Sitzen innehat: passiv, gestaucht, fest. Beides zusammen schafft eine Fortbewegung, die nicht zu den natürlichen Anlagen der Muskeln, Gelenke, Knochen und Faszien passt. Natürlich führt das auch zu einer Degenration der Füße. Dennoch ist es nicht dauerhaft hilfreich, sich bei der Beschäftigung mit dem Gehen vorwiegend mit den Füßen zu beschäftigen. Diese sind nur ein Teil einer Bewegungskette, deren Ursprung der Rumpf ist.
“Ballengang“ ist deshalb auch ein ebenso irreführender Begriff wie „Barfußgang“.

Ich möchte an dieser Stelle für heute Schluss machen und Ihnen die Frage stellen:

Wie erkennt man die Leichtigkeit des natürlichen Gehens?
Tatsächlich an der Landefläche des vorderen Fußes oder an etwas ganz anderem?

Im nächsten Teil werden wir anhand eines Videos schauen, was es mit Ballengang und Rumpf und Füßen auf sich hat….

Ich wünsche bis hierhin viel Spaß beim entdecken,

Ihr Stefan Heisel Stefan_Heisel_Naturerlebnis_Ballengang

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Sind Barfußschuhe böse?


oder: Kann man Natürlichkeit einfach kaufen?

Ballengang_Teufel

 

Sehr geehrte Leser,

was würden Sie davon halten, wenn jemand von Ihnen Schadenersatz dafür verlangt, dass er es nicht schafft, sich natürlich zu bewegen?

Das klingt so ausgedrückt recht schräg, aber um nichts anderes handelt es sich in dem HIER veröffentlichten Titel von Spiegel online.

(http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/barfussschuhe-vibram-entschaedigt-us-kaeufer-der-fivefinger-schuhe-a-968695.html)

Inhaltlich geht es darum, dass Schuhfirmen wie Vibram, Reebok und Sketchers in den U.S.A. von Kunden verklagt wurden, die angeblich durch das Tragen von Barfußschuhen gesundheitliche Probleme bekommen haben.

Um das zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, welchen Effekt Barfußschuhe im Allgemeinen haben (wenn sie gut sind!):

– Der Fuß wird so weit wie möglich in den Zustand versetzt, den er beim Gehen und Laufen von Natur aus hat. Der Unterschied zum reinem barfuß sein besteht nur darin, dass eine 2-4 mm dünne flexible Sohle, den Gehenden vor Verletzungen schützt. Keine künstliche Dämpfung, keine Absatz, volle Zehenfreiheit.

Die betreffenden Kunden haben also Schäden durch geschütztes barfuß Gehen bzw. Laufen zu beklagen und machen denjenigen dafür verantwortlich, dessen Produkte dies möglich machen … ?

Das Verständnis dafür, was hier schiefgelaufen ist, bedarf etwas thematischen Ausholens:

Grundsätzlich ist der Ansatz hin zur Rückkehr zu natürlicher und damit evolutionär optimal angepasster Bewegung sehr zu begrüßen. So steht es außer Frage, dass die Mehrheit aller Beschwerden auf körperlicher Ebene -neben dem Übergewicht- vor allem in früh einsetzender Falsch- oder Mangelbewegung ihre Ursache haben. Keinen unbeträchlichen Anteil daran haben zweifelsohne auch Schuhe, die uns von Kleinkindalter an lehren, dass die Zehen seitlich gequetscht, die Unterlage immer gleich beschaffen, das Längsgewölbe von unten künstlich gestützt („Fußbett“ -> Gute Nacht, Füße! 😉 ) gehören und – letztlich – dass es immer etwas mehr bergab geht als tatsächlich in der Realität vorgegeben (Absätze oder Sprengung).

Stellen Sie sich doch einmal vor, sie trügen seit Ihrem ersten Lebensjahr für durchschnittlich 12 Stunden täglich enge, dicke und steife Fäustlinge, um Ihre Hände zu schützen….

Was geschieht mit der Sensibilität, der Muskulatur, dem Bindegewebe im Lauf von Jahren und Jahrzehnten, wenn das entsprechende Körperteil nicht voll in Gebrauch ist?

-> Die Strukturen und Funktionen bilden sich zurück und zwar nachhaltig!

Auch der Restkörper passt sich der Degeneration an und bewegt sich insgesamt nicht mehr optimal. Er kompensiert statt dessen zum Beispiel das fersenlastige Gehen oder das bergab Gehen (in Absätzen) dauerhaft und kennt nach längerer Zeit nicht mehr ohne weiteres die ursprüngliche angeborene Funktion.

Bezogen auf die Füße:

Jahrelange Einschränkung bzw. auch „Verwöhnung „der Füße führt zu Veränderung in der Struktur des Fußes selbst – aber auch zu veränderten Bewegungen des ganzen Körpers beim Gehen und Laufen. Stellt man nun durch Schuhe die Biomechanik her, die ein Barfuß-Bewegungsmuster erfordern aber andererseits ein „Schuhe-Tragen“ im Gehirn assoziieren, kommt es zunächst einmal zu einem Wahrnehmungswiderspruch.

Denn die richtige Bewegung, passend zum Barfußschuh, ist zunächst noch nicht vohanden und der Fuß selbst ist der dauernden Barfußbelastung strukturell noch nicht gewachsen.

Was aber machen die Schuhkäufer?

Mit dem Barfußschuh-Trend hat sich gleichzeitig auch der Barfuß-Laufen-Trend stärker entwickelt, ohne dabei die physiologischen Voraussetzungen zu berücksichtigen.

Es muss also trotz bester Absichten, natürliche Bewegung zu fördern, zu Problemen führen, wenn man als zukünftiger „barefoot runner“ seinen Füßen bzw. der ganzen Körperstruktur keine angemessene Zeit zur strukturellen Regeneration lässt!

Die Tatsache, dass Vorfußläufer den alltäglichen Ballengang recht häufig ablehnen, unterstreicht diesen Sachverhalt sogar noch.

Angesichts der in den U.S.A. laufenden Klagen von Schuhkunden stelle sich jeder selbst die Frage, ob körperliche Beschwerden durch gehäuftes (fast) Barfußaufen in minimalem Schuhwerk durch die Schuhe selbst verursacht sind oder etwa durch den möglicherweise unsachgemäßen Umgang mit diesen wider besseren Wissens…

Und: Weshalb können die meisten von uns kaum noch richtig Gehen und Laufen auf eigenen Füßen? 😉

Wie dem auch sei, als Fazit stellt sich auch hier wieder die Tatsache ein, dass Natürlichkeit niemals durch Produkte zu kaufen ist und wir so oder so nicht um ein interessiertes Sich-Einlassen auf den eigenen Körper herumkommen.

Ich wünsche Ihnen, lieber Leser, viel Spaß und Unbeschwertheit beim Entdecken und lade Sie, falls noch nicht geschehen, wie hunderte andere Menschen zum kostenlosen Emailkurs  -> „Richtig Gehen lernen im Ballengang“ <- ein!

Herzliche Grüße,

Stefan Heisel

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