Ballengang im Alltag (2)


Oder: Der Beobachter

Ballengang_lupe

Liebe Leser,

In der Reihe „Ballengang im Alltag“ geht es heute mit der zweiten von sechs Folgen weiter.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen etwas, das Sie „eigentlich können“ weiter verbessern oder modifizieren. Etwas das so vertraut ist, dass Sie schon lange gar nicht mehr bemerken, was Sie tun.

Die erste Voraussetzung dafür hätten Sie genialer Weise bereits erfüllt, nämlich das WOLLEN. Ohne eigenen Antrieb, ohne ein WARUM wird es kaum möglich sein, tatsächlich etwas zu erreichen. Deshalb ganz vorab die Frage an Sie:

Warum möchte ich denn mein Bewegungsmuster (beim Gehen) verändern?

Unabhängig von Ihren persönlichen Gründen gehen wir nun in mehreren Schritten an die praktische Herangehensweise.

Da ich immer wieder Herausforderungen suche, neue Dinge richtig und konsequent neu zu lernen oder stark zu verbessern, bin ich permanent in dieser Situation und beobachte neben dem Gegenstand des Lernens immer wieder den Vorgang des Lernens, des Umlernens, sich Aneignens aufs Neue.

Ein eigenes aktuelles Beispiel sei mein neues Musikstudium. Ich habe mir vorgenommen, meine seit meiner Kindheit erworbenen Fähigkeiten von Grund auf neu zu erlernen und habe tagein tagaus damit zu tun, sowohl Neues zu erlernen als auch alte, total gewohnte Bewegungs- und Hörmuster zu erweitern bzw. gänzlich zu verändern. Und ein offenes, entdecken lassendes Unterrichten als Coach und Therapeut meinerseits unterstützt diesen Erkenntnisprozess immens.

Was wir, bei eigener Motivation, als Grundlage benötigen, ist die Beobachtung bzw. Wahrnehmung.

Wir können drei verschiedene essenzielle Beobachtungsmodi unterscheiden. Dabei ist es wichtig, diese penibel voneinander zu trennen. Andernfalls entsteht ein unscharfes Selbstbild, das für die eigene Weiterentwicklung wenig hilfreich ist.

1. Die Selbstwahrnehmung

Was fühle, höre, sehe,… ich bei mir? Unabhängig davon, wie das von außen wirkt! Um diese Wahrnehmung zu schärfen, ist es unerlässlich, ganz bei sich zu sein, bestenfalls ganz alleine ohne jegliche Beobachter/Zuhörer etc. Hier geht es darum, ganz in sich zu gehen und seinem eigenen Tun mit voller Aufmerksamkeit und Präsenz zu lauschen: Wie atme ich gerade? Wie stehe ich genau, auf welchem Bein liegt mehr Belastung? Sind meine Schultern wirklich hängend – halte ich etwas unentwegt fest? Wenn ich eine Bewegung ausführe, was bewegt sich mit, spannt sich an, ohne dass dies notwendig wäre und ohne, dass ich das eigentlich will? Wenn wir wirklich aufmerksam sind, werden uns immer neue Details über uns selbst bewusst, von denen wir vorher keinerlei Kenntnis hatten.

Leider gibt es im Punkt Selbstwahrnehmung einen Haken, nein … eigentlich zwei:

⁃       die Fähigkeit, sich wirklich vollumfänglich wahrzunehmen, ist eine Kunst für sich und bedarf wiederum des Übens. Würde die Selbstwahrnehmung perfekt einfach so funktionieren, dann gäbe es keinerlei Veränderungs- oder Lernbedarf, da man zu 100% sein eigener Lehrer wäre. Andererseits steigt die allgemeine Auffassungsgabe und der Lernfortschritt mit zunehmender Fähigkeit der Selbswahrnehmung rasant, weshalb sich die Stärkung der Selbstwahrnehmung extrem lohnt.

⁃       Der zweite Haken ist etwas tückischer: Leider ist die Wahrnehmung von sich selbst nie wirklich realistisch/objektiv. Beim Musizieren ist das inzwischen ein anerkanntes Phänomen. Während man musiziert, imaginiert man geistig einen bestimmten Klang, versucht ihn fast zeitgleich umzusetzen und das Gehirn täuscht dem Übenden vor, genau diesen Klang zu produzieren, auch wenn er real von der Vorstellung zu einem gewissen Grad abweichen kann. Hört man das gleiche als Audioaufnahme von außen, ist die Wahrnehmung eine ganz andere. Selbiges kann man auf viele Tätigkeiten übertragen. Während des Tuns ist es also trügerisch, sich einzuschätzen. Ein weiterer Täuschungseffekt bei der Selbstwahrnehmung ist der fehlende Vergleich zur Außenwelt. Beispielsweise fühlte ich mich nach 15 Jahren intensivstem Kampfkunsttraining äußerst sensibel für meine eigenen Bewegungen und die von anderen. Diesen großen Irrtum konnte ich erst feststellen und auflösen, als ich erkannte, wie extrem Wahrnehmung ausgebildet sein kann und dass ich bisher eine ungeeignete Methode praktizierte.

2. Die Wahrnehmung durch Andere

Etwas völlig anderes als die Eigenwahrnehmung ist das, was andere an mir beobachten, hören, fühlen. Diese Art der Wahrnehmung ist genauso wichtig wie die Eigenwahrnehmung, wird aber beim klassischen Unterrichten stark überbeansprucht.

Gemeint ist das Feedback, die Beurteilung durch einen Beobachter, Übungspartner, Zuhörer, Lehrer, die Aufschluss über die Qualität des eigenen Tuns gibt. Selbstverständlich ist die Beurteilung von außen (sofern sie erwünscht ist!) sehr wichtig zum Lernen, weil die eigene Wahrnehmung entweder (noch) nicht genügend ausgebildet ist oder das Gegenüber aufgrund höherer Erfahrung über mehr oder genauere Beobachtungskriterien verfügt. Dennoch sollte diese Außenbeobachtung immer mit dem eigenen Eindruck abgeglichen werden. Das fördert das Verständnis dafür, wo genau beim Lernen angesetzt werden kann. Die Außenwahrnehmung kann auch unerlässlich werden, wenn es um sehr tiefgreifende Informationen geht, die man als Betroffener selbst gar nicht wahrnehmen kann (Phototechnische, Chemische medizinische Untersuchungen, psychologische Gutachten, etc.).

Im Bereich der Körperarbeit / Bewegung steht hier beispielsweise die videogestützte Ganganalyse sowie die Körperstrukturanalyse. Hieraus können mit fachkundiger Auswertung sehr viele wertvolle Informationen zur Erweiterung des Selbstverständnisses und damit zum Lernen und Verändern geschöpft werden. Neben visueller oder auditiver Rückmeldung ist besonders bei Bewegung die Fremdwahrnehmung über fühlenden Körperkontakt sehr effektiv. Beim Tanzen, in Kampfkünsten und in körpertherapeutischer Arbeit ist dies der zentrale Prozess überhaupt.

Auch in der Außenwahrnehmung gibt es zwei Haken:

⁃       sie ist komplett von der Kompetenz desjenigen abhängig, der uns wahrnimmt und ist demzufolge (ebenso wie die Eigenwahrnehmung) zu relativieren. Es macht einen Unterschied, ob eine vertraute Person, ein Laie oder ein Experte uns wahrnimmt und entsprechend seines Hintergrundes Feedback gibt. Das hat dann entsprechend Auswirkungen auf das eigene Lernen.

⁃       Bei mangelnder Selbstbeobachtungsgabe besteht die Gefahr der zu großen Ausrichtung auf den Beurteiler. So kann es passieren, vollständig von Korrektur, Lob und Kritik eines anderen abhängig zu werden und das Gefühl für das eigene Tun nicht aktiv sein oder gar verkümmern zu lassen. Damit würde eine essenzielle Voraussetzung zum Lernen und wirklichem Verändern fehlen.

3. Das Beobachten der Umwelt

Diese Art der Wahrnehmung ist zunächst äußerst basal: Das Beobachten mit anschließender Imitation ist der wichtigste frühe Lernprozess von Menschen und findet ab den ersten Lebensmonaten statt. Wir benötigen aber eine uns weiterbringende Form des Lernens, indem wir auf eine reifere Art andere Beobachten, nämlich als Erweiterung der Selbstwahrnehmung:

Was VON MIR erkenne ich im Anderen wieder? Wie wirkt diese Beobachtung bei mir? Was hat das Beobachtete samt meiner Reaktion darauf mit mir selbst zu tun? Diese Art der Beobachtung kann äußerst wirkungsvoll sein, um Vorgänge und Gewohnheiten, die mir an mir selbst absolut nicht bewusst sind, von außen bei anderen zu bemerken. Es ist erstaunlich, welche Seiten man von sich selbst entdecken kann, wenn man den Sprung von dem Beobachteten zu sich selbst schafft.

Gerade im Bereich des Gehens bekam ich sehr viel Feedback für mich selbst aber auch von Klienten, denen diese Art der indirekten Selbstbeobachtung sehr hilfreich war.

Auch hier gibt es einen Haken, der recht schnell jeglichen Nutzen einstellt:

⁃       Leider neigen wir Menschen dazu, uns mit Anderen zu vergleichen und damit zu bewerten. Anstatt mit neutralen, neugierigen Augen und Ohren wahrzunehmen, passiert es oft, dass wir andere als „schlechter“ oder „besser“ kategorisieren und – schlimmer – ihnen Zusatzattribute wie „blöd“, „dumm“, „arrogant“, „überheblich“, etc. anhängen. Und das ist Ausdruck eines eigenen Gefühls und keine Eigenschaft der Anderen. Da dieser Übertrag auf sich selbst in solchen Fällen per se ausbleibt, sind Lernerfolg und persönliche Erkenntnis dann gleich null.

Wir sehen, dass die Wahrnehmung ein entscheidender Faktor, ja die Grundvoraussetzung dafür ist, mit Veränderungen im Alltag überhaupt anzufangen. Ebenso ist deutlich, dass auch die Wahrnehmung nicht selbstverständlich ist und der Ausbildung sowie des bedachten Umgangs damit bedarf. Erst wenn ein Bewusstsein dafür geschaffen ist, was genau ganz konkret einer Veränderung bedarf, können wir uns dem WIE zuwenden. Dazu dann in den folgenden vier Teilen demnächst mehr.

Wenn Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit der Wahrnehmung haben, schreiben Sie gerne Ihren Kommentar dazu.

Herzlich, Ihr Stefan Heisel

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Bewegung im Alltag (1)


oder: „Ballengang“ ist Alles

 

Gehen-Lernen-Ballengang_Kind
Alltagslernen (1)

Liebe Leser, sehr oft taucht die Frage auf, ob man seinen Gehstil umstellen sollte. Die Gründe dafür liegen oft in der Vorbeugung oder Verbesserung von Fußbeschwerden, Knie-, Hüft-, oder Rückenschmerzen oder einfach als Rückkehr zur „natürlichen Bewegung“.

Um das zu erreichen, beginnen viele mit dem Barfuß-Gehen oder dem Tragen von Minimalschuhen. Da es auch offensichtlich ist, dass neben der Ausstattung der Füße auch das Erlernen einer bestimmten Technik das Gangbild positiv beeinflusst, haben sich Begriffe wie „Ballengang“, „Fersengang“ oder „Mittelfußgang“ eingebürgert.
Diese eher unglückliche Begriffswahl führt in der Praxis und in der Kommunikation über das Gehen dazu, dass die Bewegung ausschließlich auf Eigenschaften des Fußes beschränkt bleibt.
So untersucht man, wie der Fuß auftritt, wie welches Gewölbe beschaffen ist oder wo Deformationen sind. Mit hohem technischen Aufwand wird der Belastungsdruck der Füße im Stand gemessen und Ganganalysen auf Laufbändern durchgeführt, die den Gang zudem nicht unter praktischen Bedingungen messen. Die Bewegung wird dazu meist nur vom Unterschenkel abwärts analysiert.

Nun ist es ja so, dass Beschwerden ja auch aus ganz anderer Quelle entstehen können. So ragt das Sitzen in die Aufmerksamkeit der Maßnahmen. Auch hier werden aufwändige Sitzmöbel konstruiert, welche das Sitzen bequemer machen und die Wirbelsäule entlasten sollen. Ganze Arbeitsplätze werden ergonomisch optimiert, um dadurch schwerwiegenden Langzeitschäden/ Krankenständen vorzubeugen.

Selbiges im Bereich des Liegens/ Schlafens. Auch hier versprechen aufwändige Matratzen, dem Rücken gut zu tun, in dem sie jede Körperkurve im Liegen ausgleichen.
Die Fitness/Wellnessbranche bietet quasi jährlich neue Bewegungskurse an, je nach Trend, die in der Masse von Instruktoren mit zertifizierter Wochenendausbildung an größere Gruppen angeboten werden. So soll durch ungefähres Nachmachen von mehr oder weniger dynamischen Tänzen oder Einzelübungen ein Ausgleich für den sonst so ungesunden Bewegungsalltag geschaffen werden.

Doch was wird durch all diese Maßnahmen tatsächlich erreicht?

Genaugenommen wird der eigentliche Alltag vollständig ausgeblendet. Stattdessen wird versucht, entweder durch ein Detail der Bewegungsvielfalt oder durch ein kurzes Zeitfenster des Ausgleichs eine Behebung dessen versucht, was in der allermeisten Zeit unbewusst und automatisch schiefläuft.

Doch was macht unser Wesen und damit unsere Struktur, unser Bewegen, Denken und Fühlen tatsächlich aus?
Ein Schuh, ein Stuhl, eine ergonomische Maus, ein Fitnesskurs oder gar eine Matratze?
Sicherlich nicht…

Es ist unser Alltag, unser reales Tun und Erleben, was uns zu dem gemacht hat, was wir sind.
Aus der Psychologie ist bekannt, dass sich prägende Ereignisse in der Körperstruktur physisch manifestieren, meist äußerlich gut erkennbar. Das Bild, von einem Trauma einen „Knacks“ zu bekommen, hat daher einen realen körperlichen Gehalt. Es muss aber kein Trauma sein, denn auch jahrelange Gewohnheit, die sich langsam unbewusst einschleicht (und natürlich zur eigenen Individualität gehört) kann sich auch zu einem Laster entwickeln, das durch einfaches Üben schwerlich zu korrigieren ist.
Und hat sich eine Eigenheit fest etabliert (beispielsweise einseitiges Schulter Hochziehen, breitbeiniges Stehen, durchgedrückte Knie, Festhalten des linken Armes, …..) dann verändert sie langfristig die Form des Körpers. Und wenn der Körper in seiner Form auf diese Eigenheiten eingestellt ist, fallen ihm rein physisch relevante erwünschte Veränderungen schwer. So manifestiert sich im ungünstigen Fall eine körperschädliche Eigenheit langfristig immer mehr.

Demzufolge ist also nicht nur der Gang, sondern jede Bewegung von der individuellen Körperstruktur (Hardware) und den erworbenen Nervenbahnen (Software) die charakteristische Bewegungsmuster auslösen, geprägt.
Wollen wir aber – aufgrund von Beschwerden oder um uns leichter/ effektiver zu bewegen- unser Gangbild verändern, also EINE Alltagsbewegung von vielen, die allesamt unbewusst ablaufen, dann genügt es nicht, neue „Gangtechniken“ zu erlernen. Je spezieller diese wären (z.B. den Aufsatz des Fußes umstellen) desto weniger integriert sind diese in die bestehende Software und Hardware des Einzelnen.

[Um einen Vergleich zu stellen: Es ist einleuchtend, dass man seine Rückhand beim Tennis nicht alleine dadurch verbessern kann, indem man Handgelenkbewegungen übt und sich weder mental noch gesamtkörperlich weiter entwickelt. Dazu kommt, dass Tennis eine spezifische Disziplin ist, die wenig Berührungspunkte mit unbewusst ablaufenden Alltagsbewegungen hat]

Wie also kommt man an diese Alltagsbewegungen ran? Einzelne spezifische Übungen funktionieren zwar als Erfolgserlebnis für den Moment des Übens, doch die restlichen 95-99% der Lebenszeit, in der die Gewohnheit herrscht, überwiegt dennoch gravierend. Anders ausgedrückt: Es resultiert nur ein sehr eingeschränkter Lernerfolg, wenn pro Tag fünf Minuten etwas geübt wird, das in der ganzen restlichen Zeit durch die tägliche jahrzehntelange Alltagsroutine überlagert wird. Dennoch funktioniert diese Art des Übens bei speziellen Tätigkeiten wie dem Spielen eines Instruments oder dem Ausüben eines Handwerks, weil hier ein anderer Modus im Bewusstsein angelegt ist, der jedoch nicht zur Alltagsroutine gehört. Doch für Veränderungen fester unbewusster Gewohnheiten, zu dem auch das Gehen gehört, müssen wir anders vorgehen.

Der Gang charakterisiert uns zutiefst. Er ist individuell und nicht standardisierbar. Und das ist gut so. Doch gibt es bei all der Fülle von Gangbildern, die immer auch kulturell geprägt sind, einige GRUNDSÄTZLICHE Funktionen, die aus verschiedenen Gründen kontraproduktiv für das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Beweglichkeit, den Kraftaufwand und auch die Ausstrahlung nach außen sein können. Die wichtigste Beobachtung dabei:

Die Bewegungsqualität, die sich beim Gehen zeigt bzw. nicht zeigt, durchzieht den Großteil jeglicher Bewegungsmuster, die ebenfalls unbewusst und routinemäßig Tag für Tag wiederholt werden. Eine wirkliche Veränderung des Gangbildes muss daher die grundsätzliche Qualität ALLER Alltagsbewegungen mit einschließen. Und umgekehrt wirkt sich eine allgemeine Veränderung des Körpergefühls und der Bewegungsqualität immer auch auf das Gangbild aus.

Was zeichnet ein ausgewogenes, dymanisches Gangbild aus:

# Federung durch alle tragende Gelenke von Ballen bis Altlasgelenk

# Gegenläufige Rotation zwischen Becken, Brustkorb und Kopf

# Aufrichtung der Körpersegmente entsprechend der Schwerkraft und der natürlichen Ausrichtung des Skeletts sowie der Bewegungsrichtung

# Kraft aus dem Körperzentrum

# Hemmung/ Entspannung aller nicht für die fokussierte Bewegung benötigten Muskelkontraktionen

# Weite Gelenke und langer Rumpf

Diese Qualitäten durchziehen untrennbar den gesamten Bewegungsspielraum vom der Atmung angefangen über das Liegen, Sitzen, Stehen, den entsprechenden Übergängen, dem Heben, Ziehen, Drücken, Werfen bis hin zum Gehen, Laufen und Springen.

Stellen Sie sich vor, Sie machen technische Übungen zum Gehen, z.B. den Fuß hängen lassen, und Atmen dabei wie immer, sitzen, stehen, heben den ganzen restlichen Tag wie Sie es immer schon taten. Ihr Becken steht noch immer in einem ungünstigen Verhältnis zum Kopf, Ihr Bauch ist angespannt, vom unteren Rücken oder dem Nacken ganz zu schweigen. Dieses Hängenlassen des Fußes wird maximal in der Übung funktionieren und sobald alles Restliche mit der bestehenden „Software“ und „Hardware“ in eine unbewusste Bewegung fällt, ist die Einzelübung vergessen und es findet keine Integration in die persönliche Bewegungsqualität statt.

Wie also kann eine unerwünschte Gewohnheit überhaupt modifiziert werden? ….

Vielen Dank für Ihr interessiertes Lesen bis hierher! Versuchen Sie doch gerne, sich eigene Gedanken dazu zu machen oder bereits erlebte Erfahrungen hierzu bewusst zu machen. Und schreiben Sie gerne Ihren Kommentar unter diesen Artikel.

in Kürze stelle ich meinen persönlichen Ansatz in diesem Blog vor.

Viel Spaß beim Entdecken und bis demnächst.

Ihr Stefan Heisel

Vom versuchten zum erlernten Ballengang


BG-Vorher_NachherSehr geehrte Leser, haben Sie schon einmal versucht, im Ballengang zu gehen? Haben Sie sich dabei an die Wortbedeutung (Fuß-)Ballen und Gang gehalten? Und kennen Sie das Gefühl, sich zwingen zu müssen, den Fuß kurz vor dem Auftreten nach unten strecken zu müssen, um ja auf dem Ballen zu landen? Hatten Sie deshalb nach kurzer Zeit Wadenschmerzen, Krämpfe und nach einigen wenigen Tagen keine Lust mehr auf diesen unnatürlichen Gang?

Sie sind dann in guter Gesellschaft. Mir selbst ging es so und die meisten Menschen, die ich auf meinen Seminaren kennen lerne, und die besonders fleißig bzw. ehrgeizig den Ballengang trainieren, kennen das auch…

Nach einem intensiven Wochenende und/oder einer Faszien- Session sieht das dann ganz anders aus. Es kann bei einer ausgewogenen Bewegung nicht darum gehen, eine bestimmte Technik im Detail zu verändern und dabei den ganzen Menschen außer Acht zu lassen. Und genau das suggeriert der Begriff „Ballengang“! Selbst Bewegungslehrer (Yoga, Tai Chi), Barfußcoaches und in der Regel die meisten Physiotherapeuten können daher mit der Bewegung, die eigentlich hinter dem Ballengang steckt, wenig anfangen. Vielmehr wird er aus diesem Grund auch negiert, als unnatürlich und erzwungen bezeichnet. Und ich kann es ihnen nicht verübeln.
Irgendwann hat jemand damit angefangen von „Ballen versus Verse“ im Sinne von „Gut versus Böse“ zu schreiben, zu referieren. Dadurch ist erstens eine Ideologie entstanden, die auch ein gewisses Maß an Bewertung von Menschen einschließt. Und zweitens ist aus einem ganz archaischen Bewegungsmuster etwas Künstl(er)isches geworden. Dem Ballengang wurde eine tänzerische Komponente zugesprochen, die (der ich auch sehr gerne tanze) im Alltag aber eigentlich unbrauchbar ist. Das bewirkte eine Trennung in zweifacher Hinsicht: In den Menschenschlag „Ballengänger“ – „Hackengänger“ und auch in „Tanzen“ – „Gehen“

Mir persönlich lag es immer schon, auch und gerade als Kampfkünstler nur daran, dass Bewegung effizient und mit so wenig Aufwand wie möglich stattfindet. Das setzt voraus, dass der eigene Körper zuerst einmal richtig kennengelernt werden sollte und dann die eigenen Möglichkeiten individuell aufgespürt werden. Der größte Feind dabei sind zum einen die eigenen Gewohnheiten, da sie unbewusst sind und aber auch das Anwenden von bewussten Bewegungstechniken! Denn wenn ich mich wie immer bewege, lerne ich nichts dazu, aber wenn ich mich nach Anleitung bewege, dann spüre ich mich ebenfalls nicht und verfalle dann in eine Mischung aus der Technik und dem Gewohnten. Aber das kann meilenweit von dem persönlich Effizienten sein.

Ich hatte mal ein Ereignis in meiner Kampfkunstschule, die mich sehr radikal hat werden lassen in dem, wie ich unterrichte.
Und zwar war ich seit einigen Jahren dabei, eine neue Bewegungsform zu unterrichten, die ich von meinem damaligen Mentor gelernt habe und die dieser sich wiederum selbst durch eigenes Körpergefühl aneignete. Ich wusste, dass er selbst sich ohnehin völlig intuitiv bewegt, so dass mir damals noch nicht so recht klar war, wie der Wert solcher Bewegungsformen einzuschätzen ist.
Zurück zu meinem Unterricht: Nach gut einem Jahr hatte ich die Idee, von meinen Schülern ebenfalls eigene Bewegungsformen zu entwickeln, indem sie die anstrengungsfreieste, fließendste Bewegung aus einer bestimmten Position heraus finden sollten. Ich selbst praktizierte das schon seit Jahren so und dachte mir, so etwas fühlt man doch als fortgeschrittener Schüler locker. Besonders, weil das ganze Konzept der Kampfkunst so aufgebaut war (dachte ich).
Doch weit gefehlt…. Es war absolut niemand imstande, eine sehr leichte Fortsetzung der Bewegung zu finden. Vielmehr bildeten sich alle Schüler ein, dass die in der Form vorgegebene Fortsetzung doch am leichtesten sei. Aber das stimmte nicht. Es war eine sehr umständliche Richtungsänderung. Doch da diese so oft eingeschliffen wurde, und sei es auch noch so langsam und bewusst, war kein Platz, keine Offenheit mehr für das Offensichtliche. Und das bezog sich letztlich nicht nur auf diese eine Situation aus der Übung, sondern grundsätzlich auf alles, was technisch erlernt wird.
Ich ertappte mich dabei, dass ich das (ebenso wie mein damaliger Mentor) völlig anders anging wie meine Schüler ohne zu ahnen, dass diese eben durch die Art des Unterrichts nicht selbst darauf kamen.

Von diesem Tag an, das dürfte jetzt bereits über zehn Jahre her sein, habe ich nie mehr feste Bewegungsabläufe als Basis für Kampfkunst unterrichtet, sondern nur noch „Forschungsaufgaben“ gestellt und diese dann gemeinsam gelöst und überprüft. Dann finden die gleichen Lernprozesse statt, wie er bei Kindern von Geburt an vorgegeben ist. (Und was dann ab der Einschulung systematisch untergraben wird)

In diesem Sinne ist auch der Ballengang zu verstehen: Es geht nicht um die eine Technik, wie der Fuß aufzusetzen hat, sondern es geht darum, sich zunächst einmal dumm zu stellen und zu forschen, wie überhaupt vom allerersten Moment an die Gehbewegung funktioniert, was überhaupt nötig ist an Bewegung und wie sehr uns unser Körper im IST – Zustand daran hindert, wirklich effizient zu sein.

Um ein wirklich sehr kleines Bild davon zu geben, was an einem Ballengangseminar bei Stefan Heisel passieren kann, habe ich mir mal die Mühe gemacht, eine der vielen Ganganalysen (die sehr persönlich gestaltet sind) herauszunehmen und wenige Sekunden im Vorher – Nachher – Vergleich zu schneiden.

bunt=nach dem Seminar sowie einer kompletten Faszienbehandlung
schwarzweiß= Ist- Zustand nach eigenem Ballengangversuchen

Wie man erkennen kann, hat sich die gesamte Ausstrahlung, die gesamte Bewegung im Körper verändert. Die Schritte sind dynamischer, der Rumpf hat eine völlig andere Aufrichtung, die Schultern und Arme bewegen sich völlig frei. In dem Fall ist noch zuviel Kopfbewegung drin, wobei das wiederum ganz normal ist, dass der Körper zuerst mal ganz viel an neuer Bewegung herausholt, um dann, mit diesem neuen Gefühl, das unnötige auf sinnvolle Weise wegzulassen.

Im Folgenden möchte ich mit Ihnen einen kleinen Clip teilen, den ich vorige Woche selbst aufgeschnappt habe. Hier sehen wir eine junge Frau sehr schön sich im Ballengang bewegen, sogar ohne dafür angeblich geeignetes Schuhwerk. Und auch recht flott.
Und zu 100% ohne die geringste Ahnung zu haben, was sie da überhaupt tut.

Wie Sie sehen, ist das Gehen eine Sache, die sich nicht mit Techniken erklären oder gar verbessern lässt, sondern durch mehrere Fähigkeiten, die wir bereits angeboren haben.
Die Kunst ist es, diese auszugraben und dann in vollen Zügen zu genießen. DAS ist dann das tägliche „Training“! Nicht das Üben von Übungen, sondern das Zulassen von stets neuen Erfahrungen und dem Erlebnis BEWEGUNG.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, lade ich sie ein zu meinem -> gratis email-Kurs.
Wenn Sie Bewegung authentisch und persönlich erleben möchten und damit um ein Vielfaches effektiver lernen möchten, besuchen Sie ein -> Faszien- und Ballengangseminar.

Noch eine angenehme sommerliche Zeit wünscht Ihr

Stefan Heisel

Ballengangerfahrungen (6) Morbus Bechterew und Hallux Valgus


Ballengang_bechterewLiebe Leser,

heute möchte ich Ihnen eine ganz besondere Erfahrung mit ganzkörperlichem Gehen in Verbindung mit Faszientherapie vorstellen.
Wenn die Wirbelsäule an sich bereits krankheitsbedingt versteift ist, können wir durch sie nicht mehr Abfedern und ein zusätzlich harter Gang aus den Füßen und Beinen heraus belastet den Körper dann noch mehr.

Hier wird ganz besonders deutlich, dass „Ballengang“ etwas anderes ist, als es im Begriff suggeriert wird. Die hauptsächlichen Vorgänge finden nicht in den Füßen statt, sondern vor allem im Rumpf.

So dachte sich das auch Peter H. und wandte sich in hohem Alter an mich…

Hier sein Bericht:

Ausgangssituation

Nach jahrelanger nahezu unauffälliger Entwicklung eines ‚Hallux Valgus‘ hat sich dieser dann innerhalb weniger Monate operationsreif entwickelt (großer Zeh hat sich auf den Nachbarzeh geschoben). Bei der Suche nach alternativen Möglichkeiten habe ich im Internet mehrere Hinweise gefunden auf das

Barfußgehen.

Dem war ich total entwöhnt, so dass der Genusswert meiner ersten Versuche äußerst bescheiden war. Meine Frau war wohl von meinem Bemühen beeindruckt, hat sich umgehört und mir das Buch von Sabrina Fox ‚Warum ich barfuß gehe‘ geschenkt. Dieses Buch hat mich fasziniert und motiviert, mehr über das Barfußgehen zu erfahren. Also: Internet befragen. Unter zahlreichen,
interessant wirkenden Artikeln hat mich dann Dein Artikel über das natürliche Gehen im Ballengang am meisten angesprochen. Dein Seminar zum Ballengang online lernen kam genau richtig. Dies vor allem, weil ich von dem Ballengang erhoffen konnte, dass mein durch MB (Morbus Bechterew) versteifter Rücken von den ‚Hackengang‘-Stößen entlastet wird. Somit neues Thema:
Ballengang:
Das hört sich einfach an, war aber leichter gesagt als getan. Dazu kommt, dass ich den Ballengang auch auf das mir lieb gewordene und als MB-Therapie notwendige alltägliche Laufen anwenden wollte. Also rein in die extra gut stoßgedämpften und seitenstabilen Laufschuhe und einfach an Stelle mit der Ferse mit dem Ballen aufgetreten. Das ganze intervallmäßig und schön langsam gesteigert.
Um das Ergebnis vorwegzunehmen: ich habe etwa 3 Monate durchgehalten – es war die Hölle.[Anm: Ja, die Fußarbeit / Landung spielt eine untergeordnete Rolle und trägt nicht zum eigentlichen Ballengang bei]
Nach dem Motto: nicht verzagen – Stefan fragen ergab sich dann, dass eines Deiner
Seminare hilfreich sein könnte oder/und auch eine Faszienbehandlung.
Das nächste Seminar war meinerseits terminlich nicht möglich, wohl aber die
Faszienbehandlung:
Trotz Deiner Beschreibung konnte ich mir darunter eigentlich nichts vorstellen. Und Deine Aussage, dass die Faszienbehandlung keiner Wiederholung bedarf war für mich nach unterschiedlichsten Therapien über mehrere Jahrzehnte einfach unvorstellbar.
Heute, etwa 2 Jahre danach, genieße ich das Ergebnis Deiner Faszienbehandlung, ausgedrückt in einer begeisternden ganzkörperlichen Elastizität, die meine tägliche Gymnastik, das Gehen und das Laufen und auch ganz gewöhnliche Alltagsbewegungen zur Freude macht. Beispiel dafür kann vielleicht auch sein,

dass ich heute früh das vierte mal in diesem Monat ‚echt barfuß‘ gelaufen bin.“

Peter H. (Rentner, 82 Jahre)

Ballengangerfahrungen (5) Arthrose und Hallux Valgus


Ballengang_Uebung_HeiselSehr geehrte Leser,
Die Reihe der  als heilsame und als natürlich empfundene Körpererfahrung darf ich heute um den Kurzbericht erweitern, den uns die Ballengängerin Sabine Weihrauch freundlicherweise zur Verfügung stellt.

Meine Erfahrungen mit Barfußschuhen und dem Ballengang

„Vor ca. 3 Jahren hatte ich verstärkt sehr starke Schmerzen beim Gehen. In der Athos Klinik in Heidelberg wurde beidseitig eine starke Arthrose in den Füßen und Knien sowie ein ausgeprägter Hallux Valgus bei beiden Füßen festgestellt. Der behandelnde Arzt empfahl mir, es statt einer Operation, die stark risikobehaftet sei, zunächst einmal mit Spriraldynamik (einer Physiotherapieform aus der Schweiz) zu versuchen und verschrieb mir gleichzeitig eine orthopädische Schuhranderhöhung. In der Nähe von Heidelberg fand ich einen Physiotherapeuten, der in Spiraldynamik ausgebildet war (es gibt hier nur wenige) und er begann mit mir zu arbeiten.

Die orthopädischen Schuhe, die mich sehr viel Geld gekostet hatten, landeten im Mülleimer. Sie fühlten sich wie ein Zwangskorsett für meine Füße an und waren sehr schmerzhaft.

Der Physiotherapeut empfahl mir, so oft wie möglich barfuß zu laufen, wodurch ich auf die Idee kam, mich über Barfußschuhe zu informieren.

Ich kaufte mir mein erstes Paar (Leguanos) und mir war sofort klar, dass ich nie mehr andere Schuhe tragen wollte.  Das Erlernen von Spiraldynamik und der Ballengang mit Barfußschuhen haben mich in kurzer Zeit von meinen Schmerzen weitgehend befreit.

Natürlich ist weder die Arthrose weg, noch der Hallux Valgus, dafür aber meine Beschwerden damit.

Für mich ging das Erlernen des Ballengangs sehr schnell und einfach. Es war wie eine „Rückkehr“ zu meiner ursprünglichen Gangart und fühlte sich überhaupt nicht „künstlich“ an.

Seither habe ich meine Erfahrungen schon häufig weitergegeben und konnte auch andere Menschen von dieser Art zu gehen überzeugen.“

Sabine Weihrauch (58 Jahre), Heidelberg

Ballengangerfahrungen (4) Den Fersensporn besiegt ….


ballengang_ferse
Ferse – ballengang.de

Sehr geehrte Leser, heute gibt es einen kurzen Bericht über eine Ballengängerin, die über die Veränderung ihrer Gesamtbewegung neben anderen Beschwerden vor allem einen schmerzhaften Fersensporn in den Griff bekam. Lesen Sie, wie sie dazu gekommen ist…

„Ich werde im Juni 2019 52 Jahre alt. Im Sommer 2011 hatte ich einen kleineren Verkehrsunfall, der sich jedoch für Körper in den Folgeerscheinungen als Katastrophe herausstellte. Kniebeschwerden sollten zwei Operationen nach sich ziehen.
In der Halswirbelsäule erlitt ich schwere Schmerzattacken und es machten sich massive Schulterbeschwerden bemerkbar.
Da inzwischen alles an Operationen vorgeschlagen wurde, zog ich die Reißleine und habe meine Blutwerte selbst betrachtet. Dabei fiel mir auf, dass ein Wert zu niedrig ist. Es folgte ein Gentest, der den Verdacht auf Hypophosphatasie, eine Knochenstoffwechselerkrankung, bestätigte. Nachdem der erste Schock verdaut war, ausgestattet mit Hilfsmitteln wie (u.a.) orthopädischen Maßschuhen, folgte das Martyrium des Fersensporns. Zuerst rechts, dann beidseitig. Die Hölle pur!
Ich konnte zeitweise gar nicht mehr laufen, es waren Qualen. Nachdem ich fast alles versucht habe auf der Suche nach Abhilfe und Linderung, bin ich durch Zufall auf das Thema Ballengang gestoßen. Ich habe mir durch Literatur und Videos diesen Gang antrainiert, habe fast alle meine alten Schuhe mit Absatz und Einlagen entsorgt und mir vernünftige Barfußschuhe angeschafft.
Was soll ich sagen? Ich habe seither keinerlei Probleme mehr mit Fersensporn und Schmerzen in den Füßen. Ich trainiere aber auch intensiv die Fußmuskulatur mit Gewicht und Gummiband.
Meine verbliebenen zwei Paar (normale) Schuhe trage ich gar nicht mehr. Die verursachen sofort Knieschmerzen.“

Ich fühle mich wieder ausgeglichen und im Gleichgewicht dank des Ballengangs.

Susann Pell, Nürnberg

https://www.facebook.com/susann.pell

Ballengang IST die natürliche Bewegungsform – mancher Menschen!


Oder: Eine Frage der Qualität…

ballengang_balerinaLiebe Leser,
Heute möchte ich aus gegebenem Anlass intensiver auf den Ballengang (oder das was darunter zu verstehen ist!) eingehen. Mir ist es wichtig, mit Missverständnissen und teils überflüssigen kontroversen Diskussionen aus meiner Sicht etwas aufzuräumen.
Angeregt durch konkrete Nachfragen und dem Verweis auf interessante und gut recherchierte Blogartikel und Videos, haben meine Leser und ich uns die Mühe gemacht,

Erfahrungen aufzuzeichnen und
⁃ die Essenz aus der Bewegung zu erarbeiten, um die es geht: der menschliche Gang

A. Die unhaltbare These

Ich beginne mit einem Zitat aus dem Artikel eines Fachkollegen, worin die These aufgestellt wird „Ballengang ist nicht die natürlich präferierte Fortbewegungsart des Menschen“
Untermauert wird diese These u.a. durch einen Clip, auf dem teils alte Videoaufnahmen von verschiedenen offenbar noch in ihrer ursprünglichen Tradition lebenden afrikanischen Völkern. Interessanterweise bewegen sich diese Personen größtenteils im Ballengang bzw. eigentlich sehr individuell! Doch dazu später mehr….

Ich möchte nicht explizit diesen oder andere Artikel „widerlegen“ – egal ob „pro oder contra Ballengang“. Nein, mir geht es darum, aus ECHTEN ERFAHRUNGSWERTEN gepaart mit fachlicher Sichtweise und einer undogmatischen Offenheit den Dingen auf den Grund zu gehen.

Beginnen wir mit einem echt schönen Videoschnitt, den mein Kollege Dirk Beckmann vor einiger Zeit mal aufgeschnappt und online gestellt hat.

Hier brauchen wir uns nicht über erlerntes Verhalten zu unterhalten. Die Kinder verhalten sich offensichtlich intuitiv und den Umständen höchst angemessen – auf dem Vorfuß.
….

Aber eins nach dem anderen, gehen wir nun zum Fachlichen:

Mit einigen Definitionen räumen wir als erstes mal auf:

⁃ natürlich
Gerne wird dieser Begriff benutzt, um eine Sache als „richtig“ darzustellen bzw. dem „nicht natürlichen“ vorzuziehen. Doch was bedeutet es?
Streng genommen ist „natürlich“ klar antonym zu dem Begriff „kulturell“

Wenn ich also zum Beispiel ein Verhalten als „natürlich“ bezeichne, muss ich jeglichen kulturellen Einfluss ausschließen können.
Es stellt sich die Frage, ob wir Menschen uns ohne kulturellen Einfluss überhaupt entwickeln können…
Auch sehr alte Kulturen sind Kulturen und Menschen sind auch dort vom Lernen innerhalb ihrer Kultur beeinflusst.
Auch Aborigines haben eine ureigene Kultur, die sich deutlich von anderen Kulturen unterscheidet. Dabei spielt das Alter der Kultur überhaupt keine Rolle.

-> Die Menschen sind immer von ihrer jeweiligen Kultur geprägt und damit keinesfalls „natürlich“.

Ergo ist neben Essgewohnheiten, sozialem Verhalten und dem Wissen selbstverständlich auch die Bewegung vollends kulturell geprägt!
Es gibt bei Menschen also keinen „natürlichen Gang“,sondern es gibt jeweils aus einem tatsächlich angeborenen Pool an Kompetenzen ein jeweils individuell und kulturell geprägtes Gangbild.
Schminken wir uns getrost das „Natürliche“ ab. Wir existieren komplett in und mit der Gesellschaft/ Kultur, in der wir leben. Wenn etwas natürlich ist, dann die genetische Grundveranlagung, einige essentielle Grundtriebe, sicher aber keine erlernte Bewegung oder Verhaltensweise.
Stopp! In meiner Überschrift steht aber trotzdem „natürlich“ …
Nun, das ist eben der umgangssprachliche Verwendungszweck dieses Wortes und meint: selbstverständlich; klar; logo; … 🙂
Aber machen wir weiter…

⁃ präferierte Bewegungsart
Bedeutet wörtlich „bevorzugte …“

Nun, es scheint hier darum zu gehen, nachzuforschen, welche Bewegungsart, konkret welche Gangart von der Masse aus allen Kulturkreisen bevorzugt wird und daraus zu schließen, was für den EINZELNEN, also beispielsweise für DICH und MICH demzufolge ebenfalls zu bevorzugen ist…
Dazu fällt mir – um mal etwas lockerer zu sprechen- der Spruch meines Lateinlehrers ein: „Milliarden Fliegen können sich nicht irren: Sch€!$$€ schmeckt.“
Im Ernst! Man schaue sich bevorzugte Verhaltens- oder Lebensweisen an, die die Masse der Menschheit so praktiziert.

Je nach Region, wild aufgezählt:
Dauerhaftes Sitzen auf Stühlen ab dem 6. Lebensjahr
⁃ Verschiebung der Wirbelsäule durch Absätze
⁃ Liegen auf weichen Matratzen
⁃ genereller Bewegungsmangel
⁃ Monotone Tätigkeit, Einseitigkeit – auch durch Sport
⁃ Synthetische bzw. einseitige und zu exzessive Ernährung ab Geburt
⁃ Mangel- bzw. Unterernährung!
⁃ Was halt gerade Trend ist 😉
⁃ … (selbst nach Belieben zu ergänzen)

Wenn man sich mal genauer mit diesen Dingen befasst, wird dem einen oder anderen bewusst, dass es eben NICHT zwingend erstrebenswert ist, sich an das präferierte Verhalten einer Mehrheit anzupassen, sondern seinen individuellen – teils dann auch zeitweise unbequemen – Weg zu finden. Letztlich SICH SELBST innerhalb all dieser kulturellen Prägungen zu finden.
Was/Wer bin ich überhaupt und was an mir ist nichts weiter als bloß von meinem kulturellen/ familiären Umfeld ÜBERNOMMEN ?
(Das nur als Denkimpuls, tut nichts zum Thema dieses Artikels 😉 )

Zusammenfassend ist es also
a. nicht möglich, eine natürliche Bewegung zu vollziehen.
b. nicht erstrebenswert, das von der Masse Bevorzugte einfach so zu übernehmen.

Damit sollten Menschen, die vorhaben, sich zu entwickeln, gründlich davon absehen, sich von einer Grundthese leiten zu lassen, welche nach einer „natürlich präferierte Fortbewegungsart des Menschen“ sucht. 😉
Interessanterweise wurde dieses Thema auch schon in einem Forum mit ganz ähnlichem Ergebnis ausdiskutiert. Ich bedanke mich für den Hinweis für die

-> Diskussion im Barfußforum

B. Die Debatte „Ballengang vs Fersengang vs Mittelfußgang“

Ich beginne mit einer frechen Behauptung, die ich gerne in jeder Hinsicht untermauere 🙂

„Es ist völlig egal, auf welchem Teil des Fußes ich lande; ich kann mich auf der Ferse landend im „Ballengang“ bewegen oder auf dem Vorfuß landend im „Fersengang“ bewegen.“

Autsch … 🙂 was geht jetzt … ?
Nun, das ist eben der springende Punkt. (Leser des Emailkurses haben in der 9. Lektion dieses Thema schon mal gesehen.)
Anhand der Erfahrungen vieler Praktiker zeigt sich nämlich genau dieses Phänomen:
Man probiert den „Ballengang“ und kommt irgendwann nicht weiter. Dann erfährt man (mit Glück), dass Ballengang ja aus dem ganzen Körper kommt und dann verändert sich etwas Entscheidendes und zwar in der Regel im kompletten Körpergefühl.
Bei wem das nicht passiert, der muss früher oder später wieder über die Ferse gehen, da die Körperstruktur zum Gehen über den Vorfuß einfach nicht passt.
Bei anderen verändert sich etwas im Rumpf und sie entwickeln dann tatsächlich ihren eigenen Gang, bei dem die Landung ebenso angepasst ist wie viele andere Details bei der Fortbewegung.

Es scheint also zwei verschiedene Bewegungsprinzipien zu geben, deren Realisierung mehr von der grundsätzlichen Körperstruktur und der generellen Bewegungssteuerung abhängt als durch irgendwelche Techniken!

Und genau da ist anzusetzen.
Anstelle von der Fußauflage zu sprechen, die uns vom eigentlichen Ziel der leichten und fließenden Bewegung nur ablenkt, sollten wir den Gang als Ganzes beachten.
Schließlich geht aber nichts über die eigene Erfahrung.
Deshalb zitiere ich an dieser Stelle einige ausgesuchte Erfahrungsberichte, die ich aus den Rückmeldungen ganz unterschiedlicher praktizierender „Ballengänger“ mit oder ohne Namensnennung veröffentlichen darf:
Einige der Zitate sind direkte Rückmeldungen aus einem online- oder direkten Coaching. Andere sind ganz unabhängig und ohne Anleitung intuitiv entstanden:

….Meine persönliche Ballenganggeschichte geht ums Bergabwandern im
Hochgebirge. Früher trug ich Trekkingschuhe und lief relativ
unkonzentriert ins Tal, dabei habe ich auch gewaltige Stöße in den
Bewegungsapparat in Kauf genommen. Das führte allerdings zu
Schwierigkeiten: Knieschmerzen und einmal eine Achilles-Tendonitis, die
ich auf ärztlichen Rat mit Deflamat-gel (Diclofenac) behandelte.
Bergauf bin ich schon länger begeistert barfuß gegangen, bergab ging das
zunächst nicht. Ich habe es aber dann doch mal ausprobiert und bin im
Ballengang, sehr weich in den Knien, mit höchster Konzentration
gegangen. Das ging zwar auf die Muskeln, ersparte mir aber Probleme mit
den Gelenken und Sehnen. Inzwischen mache ich das regelmäßig und habe so
auch meine Beinmuskeln besser trainiert; Notschuhe habe ich nur noch für
wirkliche Notfälle dabei – oder den Extremfall „kilometerlange
Schotterstraße ohne Ausweichmöglichkeit“.
Es erfordert etwas Übung, aber seit ich meine Gangart umgestellt habe,
hatte ich nie wieder Schwierigkeiten mit den Knien oder Achillessehnen…. (Tobias aus Österreich)


„Bei mir machte es vor allem bei der ersten Lektion „klick“: das wieder vom Ballen aus nach oben den Impuls geben war das was mir bisher gefehlt hatte. Ich hatte mich schon mit godo auseinandergesetzt, mit Cantienica (die machen kein Vorfußlaufen, aber es hat den Impuls nach oben drin). Und ich mache länger schon Aikido, da wird der Fuß ja eher vom Ballen aus aufgesetzt, aber sehr flach über die Matte geführt, mit tiefem Schwerpunkt.

Kurz und gut, der Unterschied ist eher mental, verändert aber viel. Und die weiteren Lektionen, auch Beobachtungen, machen Spaß….“   (Almuth Sch.)


…Durch ihren Ballengangkurs habe ich gelernt auf welche Feinheiten ich achten kann. Vielen Dank!

…Vielen Dank noch einmal für Ihre inspirierende Website, die mir geholfen hat, eines meiner Kindheitsprobleme zu lösen. Tatsächlich habe ich mich als Heranwachsender zwei- oder dreimal gefragt, wieso die Natur sich eigentlich ausgedacht hat, mit einem harten Stück Knochen, auf dem sich keine Muskeln befinden (Ferse), mit Wucht aufzutreten. Hat sie gar nicht 😉
Übrigens, meine Knieprobleme, die mich seit meines 17. Lebensjahres plagen, sind deutlich (!) zurückgegangen….  (Christoph B)


….Schaffe ich es, eine längere Strecke auf ebener Fläche im Ballengang zu gehen, dann spüre ich eine Befreiung im Becken bis hin zu einem glücklichen Gefühl.

Auch bin ich sehr viel aufmerksamer für die Menschen, die mir begegnen, wie die laufen und schaue mit Vergnügen sehr kleinen Kindern beim Rennen zu.

Ein hilfreicher Trick, um in den Ballengang zu kommen bzw. darin zu bleiben, ist für mich, dass ich den Oberkörper im Becken ein wenig nach vorne neige, dann fällt es schwer bzw. ist es unmöglich, in den Hackengang zu kommen.

Ich staune wirklich über die schnellen Erfolge, fühle mich stärker im LWS Bereich, kann lange Strecken problemlos gehen. Im Hackengang wurde ich schon nach kurzer Zeit pflastermüde und bekam ich je nach Schuhwerk starke Rückenschmerzen…. (Frau Mira, Berlin)


Nach einer plötzlichen Verdickung beider Füße (so wie nach einem Insektenstich, aber deutlich dicker und den ganzen Fuß betreffend) bemerkte ich bei der Rückbildung, dass einige Mittelfußknochen wie Überbeine vorstanden.

Ich machte mich daher auf die Suche nach einer intensiven bewussten Benutzung genau dieses Knochenapparates – und fand den Ballengang 🙂 (Thomas K.)


… Ich bin auf das Thema aufmerksam geworden, nachdem ich auf eigene Faust versucht habe meine Knieschmerzen loszuwerden. Nachdem ich bei vielen Ärzten war und niemand mir ernsthaft weiterhelfen konnte. Ich war als die Schmerzen anfingen noch keine 20 und mitten in der Ausbildung zur Zimmerin. Es hieß der Job sei schuld… Erschien mir damals nicht ganz abwegig, daher: Traumjob geschmissen und das vom Arzt verordnete ‚ein Jahr möglichst kaum die Knie bewegen‘ durchgezogen. Hat natürlich nichts genützt. Jedesmal wenn ich etwas unternommen habe sofort wieder geschwollene Knie und Schmerzen. Irgendwann habe ich aus Frust und Zeitmangel das Thema ruhen gelassen. Als ich mit meiner Tochter schwanger war bekam ich ein Beschäftigungsverbot und somit viel Zeit. In dieser kam mir der Gedanke, dass es das Bewegungstechnisch nicht einfach gewesen sein kann, und begann zu Forschen. Mit 25 bestellte ich das erste Paar Barfußschuhe und hab seitdem nichts anderes mehr an meine Füße gelassen. Die Eingewöhnung war recht einfach, da nach der Schwangerschaft die Kondition eh im Eimer war. Jetzt mit 29 kann ich sogar wieder laufen gehen! Als positiver Nebeneffekt hat sich auch meine Haltung deutlich verbessert. Allein die Tatsache, dass ohne Trainer sich so viel ‚von selbst‘ verbessert hat lässt für mich nur den Schluss zu, dass es sich um ein natürliches Bewegungsmuster handeln muss. (Sandra S.)


Ich kam zum Ballengang bei meiner Suche nach Hilfe für den Hallux Valgus, ich wollte keine OP, die mir viel, viel zu intrusive erschien.

 Ich fand dann Videos von Dr. Greb, las sein Buch, fing an, mich wegen Minimalschuhen umzusehen. Anfangs war meine Idee von Ballengang auch verzerrt – ich dachte, ich müsse die Fußspitze bewusst nach unten beugen, mich dann abstoßen/abdrücken, um die Energie der Bewegung richtig auszunutzen.

Ich begann, spezifisch jeden Tag für mind. 1/2 Std zu versuchen, im Ballengang zu laufen und hatte dabei auch bereits sehr gute Lauf-Gefühle. (Ich spreche vom Gehen, nicht Laufen im Sinne von Joggen)

Was mir schon da auffiel, war, wie lebendig sich meine Füße anfühlten, wie herrlich warm und durchblutet sie waren (sonst kenne ich fast nur kalte Füße).

Leider sind Videos mit Anleitungen viel zu kompliziert, ich habe viel zu kompliziert gedacht, wie wir das eben so gewohnt sind. Das Einfache haben wir verlernt!

Dann kam ich zu Dir und Deinem e-mail Kurs und nach einer Weile hatte ich es endlich kapiert – es ist überhaupt keine Anstrengung, gar nicht „storchig“, weder Abdrücken noch Fußspitze nach unten beugen. Lediglich, den Fuß „hängen“ lassen und dann kommt er ganz automatisch am Ballen auf. Es sieht gar nicht so viel anders aus.

Ich gehe Ballengang vor allem, wenn ich keine Eile habe und kein Gepäck. Im Winter habe ich Probleme mit den passenden Minimalschuhen. Ich lebe in einer mittelalterlichen Stadt mit Kopfsteinpflaster, was mitunter super glatt werden kann und es ist hier streckenweise sehr steil. Ich bin schon auf Strümpfen nach Hause gelaufen, weil ich mit Schuhen nicht gehen konnte.

Die Minimalschuhe haben natürlicherweise wenig Profil und taugen nicht immer.

Ich empfinde den Fersengang dann oft als sehr schwer und bremsend, weil ich eben den Vorderfuß hoch nehmen muss.

Meine Erfahrungen zusammengefasst sind dahingehend, dass ich Ballengang als sehr angenehm empfinde und ihn dem Fersengang vorziehe, sofern machbar. Meine Schmerzen im Bereich des Großzehenballens haben aufgehört, wenn auch der Hallux nicht besser geworden ist. Auf jeden Fall sind die großen Zehen voll beweglich, nichts ist versteift, wie ich es sonst sehr häufig sehe. Vorher habe ich Einlagen benötigt. Es war dann ein echter Schock, als ich nach einem Winter mit Einlagen, im Freibad nicht mehr barfuß laufen konnte! Dann habe ich mich der Einlagen schnell entledigt!

Der Ballengang ist sicher kein Allheilmittel und sollte nicht mit zu hohen Erwartungen überfrachtet werden. Dennoch kann er sehr hilfreich sein.

Zum Artikel [Ballengang nicht präferierte Gangart…], den ich mir angesehen habe möchte ich gern folgendes anmerken:

Wir leben in einer dualen Welt! Es gibt zu JEDEM Thema zumindest schwarz und weiß, meist jedoch noch ganz viele Grauschattierungen dazwischen. Es wird niemals eine Übereinstimmung geben können, das ist hier in dieser Welt ganz ausgeschlossen.

Insofern finde ich die Diskussion über den Ballengang müßig – wer sich ein Bild davon machen will, wird seine ureigenen Erfahrungen damit machen und kann dann FÜR SICH selbst entscheiden.

Bei diesem speziellen Artikel denke ich eigentlich, dass der Schreiber keine Ahnung vom Ballengang hat, denn wieso dieser ein Sicherheitsrisiko wegen Instabilität darstellen soll, ich mir total schleierhaft! Für mich kann es auch gar keine hergeleitete Bestätigung geben. Es braucht sie nicht, der Ballengang spricht für sich selbst, wenn er verstanden wird!!!

Es ist wie mit den Schuhen – alle Welt meint, spitze oder runde Schuhe seien ok – ich als Fußpflegerin sehe die Auswirkungen! Ich kaufe gar keine Schuhe mehr, die nicht Wildling, Leguano oder auch mal Vivobarefoot heißen. (Astrid, Fußpflegerin)


…. Nachdem ich des Öfteren vom Ballengang gehört habe, fragte ich meinen Physiotherapeuten, was er davon hält. Ich bekam die simple Erklärung, man würde dabei halt auf dem Vorfuß statt auf der Ferse landen bei jedem Vorwärtsschritt. Das sei aber nicht physiologisch. Deshalb riet er mir davon ab.
Dennoch hatte ich das starke Gefühl, dass meine Hüftprobleme irgendwie mit der Art des Gehens zusammenhängen könnten, also probierte ich es einfach.
Mein erster Versuch, sich so zu bewegen, scheiterte auch kläglich. Die Hüfte war zwar ganz ok, doch die Unterschenkel krampften und die Füße fühlten sich überfordert an.
Langer rede, kurzer Sinn, schließlich landete ich über den Newsletter von Ballengang.de auf einem Seminar bei Hannover und erfuhr dort, wie der ganze Körper sich beteiligen – ja regelrecht verändern- muss, um dann wie von selbst abfedern zu können. Im Besonderen lag es bei mir tatsächlich an einem Festhalten der Hüfte aus Angst vor Schmerz, und dahingehend von einer völlig steifen Haltung im gesamten Rumpf.
Seither gehe ich mehr und mehr ganz selbstverständlich und immer entspannter in einem Ballengang, den ich gar nicht für möglich hielt … (Eva B. aus Nürnberg)  


 

Soviel zu den Erfahrungswerten (Unten folgen noch einige mehr auf einer eigenen Seite und noch ausführlicher)

Schauen wir uns nun aber den Teil des Fußes an, dessen Funktion so umstritten ist:

EXKURS: Die menschliche Ferse

ferse_fuss_ballengang

Oft wird in medizinischen Kreisen die Anatomie der Ferse als zum Auffangen und Abrollen geschaffenes Körperteil beschrieben.
Die Polsterung nach unten und die evolutionär zunehmende Länge des Fersenbeins wird hierzu als Argument genannt. Diese Auffassung kann ich immer weniger teilen, je länger ich mich mit der Verbesserung meiner Bewegung und dem Coaching anderer ebenso an einer Verbesserung interessierter Menschen befasse.

Ich möchte hierzu eine Sichtweise dagegenhalten, die für mein Verständnis viel logischer und vor allem in der Praxis viel nachvollziehbarer ist.

Wir können davon ausgehen, dass der Mensch sich im Laufe der Zeit von einem mehr gebeugten Lebewesen – ähnlich den heute lebenden Menschenaffen – das noch die Arme zum Stabilisieren des Stehens und zur Unterstützung des Laufens benutzt – zum ganz frei aufgerichteten Zweibeiner entwickelt hat.
Damit sind viele Veränderungen des gesamten Körperbaus einhergegangen.
Um nur Einige zu nennen:
-Das Becken musste nun Organe von unten stützen können (Ausbildung eines starken Beckenbodens)
-Die Wirbelsäule musste eine Doppel-S-Form annehmen, die nach oben gegen die Schwerkraft federt.
-Die Hände wurden beweglicher und filigraner (weil sie frei nutzbar wurden)
-Der Schädel musste mehr Gehirn fassen können und das Gebiss weniger kräftig zubeißen können.

-> Die Füße mussten nun nicht mehr greifen können, dafür aber als alleinige Grundfläche für dauerhaftes freies Stehen dienen. Als Basis für die gerade nach oben gerichtete mehrteilige Kraftlinie der Balance.

Um den Stand genügend nach hinten abzusichern, musste das auch bei Menschenaffen bereits stärker ausgebildete Fersenbein noch länger werden, die Zehen dafür nach vorne ausgerichtet und das Sprunggelenk für stark federnde Belastungen des ganzen aufrechten Körpers ausgebildet werden. Und ebenso wie beim Becken ersichtlich, ist sogar die anatomische Aufrichtung evolutionär noch nicht gänzlich abgeschlossen. Daher findet man weltweit noch Abweichungen in bestimmten Details wie beispielsweise der Länge des Fersenbeins.
Aufgrund dieser Entwicklung können Menschen auch alleine aus der Kraft über den Vorfuß sehr große federnde Kräfte zum Landen oder Abstoßen verarbeiten. Dies ist z. B. Menschenaffen nicht möglich, da sie noch alle vier Gliedmaßen benötigen.

Die Funktion des verlängerten Fersenbeins liegt folglich ganz klar in der statischen Stabilisierung unseres aufrechten Körperbaus bei relativ hohem Körperschwerpunkt. Ohne verlängerte Ferse wäre längeres freies Stehen unmöglich bzw. extrem ineffizient.

Betrachtet man die Ferse als Ganzes, dann ist auch klar zu erkennen, dass diese ein verlängerter Teil eines Gelenkes ist, das dazu da ist, bewegt zu werden und nicht, um sich darauf in belastender Weise mit der Kraft des mehrfachen Körpergewichtes aus einem Fall heraus abzufangen.
Andere Zweibeiner besitzen aber keine so ausgebildete Ferse, da die statische Stabilisierung anders funktioniert:

Kängurus nutzen den Schwanz zum Stabilisieren nach hinten, das Sprunggelenk wird auch hier in Ruhestellungen auf den Boden abgesetzt, hat aber niemals die Funktion, Sprünge abzufangen.
ballengang_kangoroo_balance
⁃ Bei Laufvögeln und den früheren zweibeinigen Dinos dien(t)en Kopf und Schwanz wie ein mehr oder weniger langer Balancestab nach vorne und hinten, was eine Ferse überflüssig macht.

ballengang_vogel_balance

ballengang_dino_balance

Menschenaffen und Bären sind noch Vierbeiner und haben hauptsächlich die Vordergliedmaßen zur zusätzlichen Stabilisierung

ballengang_affe_balance

Schauen wir und jetzt direkt die Silhouette des menschlichen Körpers an, dann wird klar, dass unser Körper mit Abstand der schlankste ist, mit einer extremen vertikalen Ausrichtung und verhältnismäßig wenig körperlicher Stabilität (instabiles Gleichgewicht) und sehr hohem Schwerpunkt, verglichen mit anderen Lebewesen.
ballengang_mensch_balance
Es gibt in aufrechter Position nach vorne und hinten nichts Vergleichbares zu den obigen Zweibeinern, das uns halbwegs stützen könnte als Zehen und Ferse. Ansonsten sind wir auf ein sehr feines ständiges Gleichgewicht in alle Richtungen angewiesen, um unsere Struktur optimal nach oben gegen die Schwerkraft auszurichten.

(Wie sensibel solch ein System ist gegenüber Störungen, kann man erahnen. Dies zu beschreiben, übertrifft bei Weitem diesen Artikel.)

Wir brauchen also dieses verlängerte Fersenbein, um überhaupt stehen zu können und nicht ständig in Bewegung sein zu müssen!
(Wie schwer das dennoch ist, erkennen wir leicht daran, dass wir dazu neigen, uns bei jeder Gelegenheit zusätzlich abzustützen, beispielsweise an Wänden etc..)

Selbstverständlich muss unsere Ferse in der Stützfunktion auch genügend gepolstert sein. Denn sie wird ja ständig mit Körpergewicht belastet.
Doch sie wird niemals – im Erstkontakt – im Zusammenspiel mit allen anderen Funktionseinheiten (Knie, Becken, Wirbelsäule,..) einen Sprung auf gesunde Art auffangen können.
Auf der Ferse zu landen ist gleichbedeutend damit auf dem Sprunggelenk, dem im Hebel stärksten Gelenk in der aufrichtenden Kraftlinie zu landen. (Etwas überspitzt: Wer würde freiwillig auf dem Knie landen, was gleich das nächsthöhere Gelenk darstellt, wenn das Knie schön gepolstert wäre?)
Die Frage, ob die menschliche Ferse rein anatomisch zum Aufnehmen von Körpergewicht oder „Abrollen“ beim Gehen eingerichtet ist, würde sich daher wie folgt beantworten:
Da beim Gehen – anders als z. B. beim Laufen- immer ein längerer Bodenkontakt pro Schritt vorliegt, wird sie meistens als zwischenzeitliche Stütze zwischen zwei Abdruckvorgängen genutzt. Um die Hauptkräfte beim Landen und beim Abdruck optimal vom oder zum Boden zu übertragen, muss das Sprunggelenk über den Vorfußkontakt eingesetzt werden.
Landen auf der Ferse bedeutet Landen auf dem Sprunggelenk selbst und das ist dysfunktional!

Die Prothese „Schuh“

Und WEIL das Nutzen der Ferse zum Landen in dieser exzessiven Form ohne Hilfsmittel – also barfuß, was man tatsächlich als natürlich bezeichnen kann – NICHT gut funktioniert, haben Schuhe der modernen Zeit Dämpfungen, Sprengungen und Verstärkungen an der Ferse. Oder sind gar konvex abgerundet, um ein Abrollen zu ermöglichen, das es barfuß nicht geben kann, weil der Fuß weitgehend konkav (also hohl) geformt ist, um FEDERN zu können. Wenn man ihn denn lässt..!
Hilfsmittel, die fehlende Körperfunktionen ersetzen oder ausgleichen, nennt man auch Prothesen oder Orthesen (je nach Funktion).
Daher kann das Gehen mit und ohne solche Hilfsmittel (Schuhe) nicht miteinander verglichen werden.
Noch weniger kann ein jahrzehntelanges Gewöhnen an Bewegung MIT Prothese aus Bequemlichkeit als Maßstab für das Bewegen OHNE Prothese gesetzt werden. Zumindest ist dies aus rein logischen Gründen hoch fragwürdig.
Will man also ernsthaft herausfinden, wie man sich ohne den kulturellen Einfluss von Schuhwerk bewegen könnte, dann sind intensive Erfahrungsprozesse erforderlich, die über „so ist es am bequemsten“ hinausgehen.

C. Die Bewegungsqualität

Wenn wir an unserem Gang arbeiten wollen, kann es nicht darum gehen, einzelne Techniken zu üben- oder sogar von einem Lehrer einfach nachzuahmen. Nein, es kann nur um das WIE, also um die QUALITÄT der Bewegung gehen, mit der ich u. a. gehe.
Aus meinen Beobachtungen habe ich eine Tabelle erstellt, die die Bewegungsqualitäten verdeutlichen, die auch die Art und Weise des Gehens maßgeblich bestimmen.

bewegungsqualität_ballengang

Wir stellen also fest, dass es – individuell ausgeprägt- eher grundsätzliche BEWEGUNGSQUALITÄTEN gibt, die noch über den jeweils konkreten Techniken stehen.

Die meisten Menschen, die positiv vom Ballengang sprechen, stellen in ihrem gesamten Bewegungsspektrum eher Qualität A dar. Sie fühlen sich leicht, aufgerichtet und auch beweglicher als früher.
Man könnte daraus schließen, dass dies an der Vorfuß-Landung liegt, mit der Ballengang gerne definiert wird.
Das stimmt so aber nicht! Zwar wird durch den aufrichtenden Reflex vom Sprunggelenk nach oben diese Bewegungsqualität provoziert, aber wer nicht weiter arbeitet und faktisch ALLE Gelenke und damit die ganze Körperstruktur einbezieht, der kann diese Qualität A nicht halten. Der Fuß passt nicht in das restliche Bewegungsschema und der ganze „Ballengang“ fühlt sich gekünstelt und „unnatürlich“ an. Folge: Der Gang bleibt wie er ist, ebenso die Körperstruktur. Fazit in diesem Fall: „Ballengang ist nicht natürlich.“ …
Und dann sucht man Bestätigung in der Masse und bekommt natürlich mehrheitlich Recht! 😉

D. Ballengang ist NICHT einfach

Trotzdem gibt es da auch ganz andere Erfahrungswerte. Menschen, die durch die sukzessive Umstellung ihrer Bewegungsqualität äußerst positive Veränderungen durchlaufen haben. Nicht dass einfach nur Schmerzen ausblieben – das sollte nicht unbedingt der Hauptantrieb sein, weil es darum eigentlich nicht vorrangig geht – nein, das Körpergefühl an sich und die Freude am Bewegen nimmt deutlich zu und bekommt auch mental eine andere Qualität.

Doch WIE geht das? Sollte das nicht einfach so von allein kommen? Sind wir nicht natürlich dazu veranlagt, uns frei, aufgerichtet, mühelos, flexibel und nicht zuletzt schmerzfrei durchs Leben zu bewegen? Und zwar in der Masse? …
Dazu meine ganz persönliche derzeitige Erkenntnis, die ich an anderer Stelle noch ausführlicher erläutern werde:
Schauen wir wieder auf die Tabelle oben. Wir erkennen zwei Arten, sich grundsätzlich zu bewegen und dabei gegen die Schwerkraft anzutreten, die ja fortwährend wirkt.
Beide Qualitäten – ich nenne sie heute nur A und B – sind in uns veranlagt und entwickeln sich fortan weiter von dem Moment an, wo wir eine absichtsvolle Bewegung ausführen können. Also schon nach wenigen Lebensmonaten.
Während wir ganz zu Beginn als Säugling nur „alles oder nichts“ bewegen können, wird das Nervensystem immer differenzierter und erlaubt mehr und mehr nur gewollte, zielgerichtete Aktionen.
Während wir anfangs mehr Qualität B einsetzen, beginnt sich mit den faszialen Strukturen (beispielhaft das Fußgewölbe) mehr und mehr Qualität A herauszubilden.
Und ab da scheiden sich die Werdegänge deutlich.
Die meisten Menschen bilden Qualität A offensichtlich nicht genug aus, um langfristig im Alltag Zugriff darauf zu haben. Bewegungen werden aus verschiedenen Gründen undynamischer, fester, zu muskulär, zu schiebend und die Aufrichtung wird schwerer. -> So wird Qualität B in immer mehr Situationen zum Standard. Auch beim Gehen.

Dennoch gibt es Menschen, die weiterhin Qualität A praktizieren und im Alltag umsetzen. Diese Menschen sind nicht automatisch „Ballengänger“, sind aber diesem so nah, dass eine bewusste Umstellung gut gelingt. Weil Ballengang nichts anderes ist, als die Umsetzung der allgemeinen Qualität A beim Gehen.

Wieso ist der Ballengang also alles andere als einfach?

Wer sich ohnehin ähnlich Qualität A bewegt, wird – egal ob andere Probleme vorliegen oder nicht – eine recht leichte Integration des Ballengangs in den Alltag schaffen.
Wer (und das ist die Mehrheit) sich mehr in Qualität B bewegt, der kann nicht „einfach so“ mal eben per Vorfuß-Dribbling sich den Ballengang antrainieren.
Nein, es geht nur, wenn die Körperstruktur- sprich die Faszien – und die Wahrnehmung allmählich und ALLE Lebenssituationen umfassend angepasst werden.
Das beginnt eigentlich schon beim Liegen! -> Sind denn die Wirbelkörper schön langgestreckt? Sind die Schultern frei? Ist das Becken beweglich?
Nur wenn die Verbindung von Zehen zum Scheitel (auch im Liegen) frei ist, kann ich beim Gehen komplett vom Boden nach oben federnd aufrichten.
Eigentlich logisch aber man achtet weniger drauf ohne speziell und richtig intensiv mit dem eigenen Körper beschäftigt zu sein.

Ergo: Ballengang zu praktizieren ist weniger der eigentliche Zweck sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass viel am eigenen Körper in Ordnung zu sein scheint und Qualität A weit genug entwickelt ist.

Ziel und Zweck langfristig sollte es sein, wenn man sich entwickeln möchte(!), dem Körper die als Kind schon ansatzweise aber meist sehr unvollständig ERLERNTEN Qualitäten (aktiv, aufrichtend, faszial, federnd, leicht, flexibel) weiter auszubilden.
Und das ist leider Arbeit. Das kommt nicht einfach so.
Und genau deshalb tun es logischerweise auch nicht viele bzw. auf keinen Fall „die Masse“.

E. Fazit

Wir sollten uns von den Begriffen „Ballengang, Fersengang, Vorfußgang, Mittelfußgang“ langsam verabschieden und statt dessen auf das Wesentliche schauen, was bei Bewegung stattfindet und über die Qualität entscheidet: Die fasziale Körperstruktur, die Bewegungswahrnehmung (Kinästhetik) und die Arbeit des Torsos.
Mehr dazu im kostenlosen Emailkurs + Newsletter (Link) sowie in weiteren Publikationen.

F. Authentische Erfahrungen mit dem Ballengang

Letztlich ist es immer der eigene Weg, wohin man möchte, welche Priorität man sich setzt oder manchmal einfach auch welche Bedingungen man gerade hat und denen den Vorrang gibt.

Es folgen nun verschiedene Erfahrungsberichte quer Beet von unterschiedlichen Ballengang-Praktizierenden.
Der Übersicht wegen hier der Link zu den Berichten, die regelmäßig erweitert werden.

-> zu den Erfahrungsberichten

G. Danksagung

Um diesen Artikel so verfassen zu können, habe ich einen Aufruf an alle Bezieher meines kostenlosen Emailkurses geschickt mit der Bitte, frei heraus ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Ansichten zum Thema Ballengang aufzuschreiben.

Dieser Bitte sind dutzende Leserinnen und Leser gerne nachgekommen mit der Erlaubnis, ihre Texte mit oder ohne Namensnennung zu veröffentlichen. Dafür möchte ich mich bedanken.

Herzlich, euer

Stefan Heisel

ballengangseminar_heisel